Der Weg zu mehr Berufskraftfahrer:innen
Interview mit Mona Smeets - Botschafterin von PROFI - Pro Fahrer-Image e. V.
Die Branche braucht mehr Berufskraftfahrerinnen und -fahrer. Eine Einschätzung aus erster Hand gibt Mona Smeets, seit Mai 2024 Projektmanagerin und Botschafterin von PROFI – Pro Fahrer-Image, im Interview mit MANSIO. Die Spediteurin und Lkw-Fahrerin weiß, wovon sie spricht. Sie arbeitet im elterlichen Betrieb mit eigenem Fuhrpark und repräsentiert als 29-Jährige mit einer Tochter zeitgleich die Bedürfnisse der jungen Generation.
US: Aktuell fehlen 400.000 Lkw-Fahrerinnen und -fahrer in der EU. Bis 2030 könnte die Zahl laut McKinsey auf eine Million steigen. Welche Relevanz hat das Thema attraktive Arbeitsbedingungen, um mehr Fahrer zu gewinnen?
MS: Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die Wertschätzung sind die zwei Hauptsäulen, um den Beruf attraktiver zu machen. Leider wurde es lange verschlafen, auf die Bedürfnisse dieser Berufsgruppe einzugehen. Einige Beispiele sind die mangelhaften sanitären Anlagen, der schlechte Umgang mit den Fahrern an den Rampen, und die fehlende soziale Anerkennung des Berufsstandes der Kraftfahrer.
US: Wenn man zunächst nur an einer Schraube drehen könnte, was würde am meisten bringen?
MS: Die mangelnde Wertschätzung steht für mich an Nummer eins. Das beginnt in den Köpfen der Gesellschaft. Wenn man einen Lkw an einer Steigung mit 70 km/h vor sich hat, sollte man drüber nachdenken, dass dieser vielleicht die geliebte Frühstücks-Nutella transportiert, statt sich über das Tempo zu ärgern. Ohne unsere Kraftfahrer würde unser Land stillstehen.
US: Wie bewertest Du das Konzept des Lkw-Begegnungsverkehrs von MANSIO?
MS: Ich finde die Idee, speditionsübergreifend Trailer auf halber Strecke zu tauschen, sehr gut. Wir brauchen Kreativität, um die Situation auf der Straße zu verbessern. Insbesondere auf längeren und regelmäßigen Strecken halte ich solche Lösungen wie die von MANSIO für zukunftsträchtig.
US: „Attraktivere Arbeitsbedingungen“ sind ein wesentlicher Vorteil der Begegnungsverkehre von MANSIO. Kannst Du unsere Pro-Argumente für Lkw-Fahrer aus deiner Sicht ranken?
MS: Top 1: Abends wieder zu Hause
Einschätzung: Im Hinblick auf Familie ist dies ein wichtiger Punkt. Familie und geregelte Arbeitszeiten sind den meisten mittlerweile wichtiger als der Job.
Top 2: Keine Übernachtungen auf (übervollen) Rastplätzen
Beispiel: Januar 2024, auf dem Rückweg von der Großdemo in Berlin nach Krefeld haben wir um 20 Uhr nur mit einer Zugmaschine fünf Rastplätze und Autohöfe anfahren müssen, bevor wir einen Stellplatz hatten. Die tägliche Suche nach einem Parkplatz beläuft sich oft auf eine Stunde.
Top 3: Mehr Sicherheit vor Ladungsdiebstählen
Auch das ist Alltag: Kriminelle schlitzen regelmäßig Halbmonde in die Planen. In unserem Fuhrpark mit sieben Fahrzeugen kommt es nahezu wöchentlich zu einer Beschädigung.
US: Sie selbst unterstützen auch als Lkw-Fahrerin im eigenen Betrieb. Laut Statista gibt es in Deutschland nur 2,2 Prozent Berufskraftfahrerinnen. Was bräuchte es, damit der Beruf für Frauen attraktiver wird?
MS: Es fängt schon in der Jugend an. Es gibt in der Regel wenig Support, wenn ein Mädchen den Wunsch äußert, Berufskraftfahrerin zu werden. Dabei gibt es viele männliche Friseure, Nageldesigner und Stylisten. Warum also keine Frau hinter dem Lkw-Steuer? Wir müssen aufräumen mit Vorurteilen und Stereotypen. Wir brauchen viel mehr Normalität. Ich kenne einige Kraftfahrerinnen. Die machen einen super Job und werden von ihren männlichen Kollegen absolut respektiert.
US: Sicheren und neuen Parkraum zu schaffen, ist eher ein langfristiges Thema. Könnte man auch kurzfristig etwas bewegen?
MS: Es wäre schon ein Fortschritt, wenn Rastplätze und Industriegebiete gut ausgeleuchtet und gegebenenfalls mit Kamerasystemen ausgestattet wären. Auch Anzeigetafeln, die zeigen, wie viele Rastplätze verfügbar sind, würden helfen. So etwas hat jedes moderne Parkhaus.
US: Noch ein Wort zu PROFI – Pro Fahrer-Image… Was steht auf der Agenda?
MS: Aktuell sind Videoformate und Podcasts zur Aufklärung über das Berufsbild des Kraftfahrers geplant. Wir wollen zeigen, wie der Alltag eines Lkw-Fahrers aussieht und das Thema ein Stück greifbarer machen. Außerdem sind wir dabei, den Verein in das Lobbyregister einzutragen, um vermehrt auch politische Gespräche führen zu können und den Berufskraftfahrern damit in der Politik eine stärkere Stimme zu verleihen.
US: Vielen Dank für das Interview.
Über PROFI Pro Fahrer-Image e. V.
PROFI – Pro Fahrer-Image ist ein Verein zur Förderung der Transportlogistikbranche – insbesondere des Straßengüterverkehrs – und des Berufsbildes „Berufskraftfahrerin/Berufskraftfahrer“. Ziel ist es, für das Arbeits- und Lebensumfeld der Fahrer-/innen zu sensibilisieren und ein Umdenken von Industrie, Handel, Transportwirtschaft und Bevölkerung im Umgang mit den Fahrern-/innen zu erreichen. Konkret geht es um:
- mehr Wertschätzung des Fahrerberufs
- bessere Arbeitsbedingungen
- bessere Ausbildung und Qualifizierung
- Imageverbesserung des Straßengüterverkehrs
PROFI finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen: https://www.pro-fahrer-image.de